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TRIP TO YOUR HEART

DER WEG ZU DEINEM HERZEN

Der unzufriedene Steve reist mit seiner Familie an die Ostsee und muss sich mit seiner nervigen Schwester ein provisorisches Bett in einem Wohnwagen teilen. Dem nicht genug behandelt ihn seine Familie wie einen Sklaven. Der Urlaub wird für Steve zum Höllentrip, bis er sich eines Abends auf eine Party schleicht und neue Bekanntschaften schließt …

„Manchmal muss man von seiner eigenen Persönlichkeit Abstand nehmen und sich wieder an die Person erinnern, die man eigentlich ist.“ – Jean.

Ein trauriger, junger Mann, ein dunkles Familiengeheimnis und eine Liebe auf Zeit. „Trip To Your Heart“ erzählt die Geschichte von Steve, der sich nichts Sehnlicheres als Liebe wünscht.

Tragisch, lustig, spannend und romantisch.

TRIP TO YOUR HEART: Der Weg zu deinem Herzen

"Eine wunderschöne Story, die wie im Fluge vorbei war. Oft müsste ich schmunzeln und denken, ja so war es bei mir ähnlich.
Und immer wieder muss man einfach Herzhaft lächeln, aber in jedenfall sehr lesenswert..."

(Leser auf Amazon)

Fakten & Daten:

- geschrieben: Sommer 2006 & Ende 2012
- Erstveröffentlichung: Oktober 2015
- gewidmet: Jean-Luc Bilodeau
- Korrektorat: Astrid Pfister & L. Franke
- Seiten: 376
- Preis: 15,90 Euro (Buch) / 5,99 Euro (E-Book)



Realitätsgetreu

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Biografisch

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Fiktion

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Sex

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Gefühle / Liebe

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   Happy Holidays
 
1)      Da stand ich nun. Völlig überfordert, vollkommen am Ende mit den Nerven. Zwei Wochen Urlaub in der tollen Friedrichstadt standen mir in wenigen Stunden bevor – und das mit der Familie!
Was meint ihr, wie ich reagiert hatte, als meine Mutter mir diese frohe Botschaft verkündete? Als launisch und mürrisch hatte sie mich daraufhin bezeichnet, doch das bin ich nicht. Ich bin ein junger Mann von 16 Sommern und derzeit einfach nur total gestresst. Seit Beginn der Pubertät hat sich so wirklich alles verändert. Erst kam der Stimmbruch, dann folgten die Pickel. Obendrein nervt mich diese Kackschule. Jugendliche können dermaßen bekloppt und vor allem grausam sein, dass man sich fragt, was in deren Köpfe verkehrt läuft. Hin und wieder würde ich dem einen oder anderen gern ins Gesicht schlagen. In meiner Fantasie ist das dermaßen amüsant, dass ich unwillkürlich lachen muss.
   Manchmal frage ich mich, ob ich der einzig normale Mensch auf Erden bin. Können doch nicht alle so bescheuert sein … Dem nicht genug, habe ich auch noch eine kleine Schwester, die mich ziemlich oft fast in den Wahnsinn treibt. Erst letztens hatte sie aus purer Wut mein Handy zertrümmert – völlig gestört, das Kind. Getoppt wird das Ganze nur noch von dem neuen Kerl meiner Mutter. Ich frage mich ernsthaft, was sie an diesem Ungeheuer toll findet. Plauze, säuft ständig – aber das tun sie beide ja gern –, kleidet sich daheim wie ein Penner und spielt nach außen hin den perfekten Mann. Schicke Aufmachung und immer freundlich anderen gegenüber – außer zu mir. Entweder hat der Mann einen riesigen Prügel in der Hose oder es liegt an der Kohle, die er verdient. Ohne Scheiß. Kann mir das mal jemand erklären, bitte?!
   Einmal, da machte Herbert, so der höchst erotisch klingende Name des Liebhabers meiner Mutter, mit uns einen Tagesausflug zu irgendeinem komischen Vergnügungspark – grauenvoll. Wie ich diese gespielte Fröhlichkeit doch verabscheue. Herbert kommt ja ursprünglich aus Bayern und regt sich immer über meine Ausdrucksweise auf. Scheiße, Mann! Ich bin ein waschechter Ruhrpottler, und so reden wir hier halt nun mal – zumindest in diesem kleinen Kaff, in dem jeder Dritte arbeitslos ist und mehr als die Hälfte schon morgens einen sitzen hat. Abgesehen davon hat er selbst einen seltsamen Dialekt. Gelegentlich klingt er, als hätte er einen Frosch verschluckt. Vielleicht ist das der Grund, warum Christina, meine Mutter, ihn dermaßen scharf findet. Ich möchte mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, was die beiden machen, wenn sie unter sich sind. Da läuft mir doch glatt ein Ekelschauder über den Rücken. Pfui, bah! Ich bin nicht mürrisch, nein. Mich kotzt mittlerweile einfach nur alles an.
 
   „Steve!“ Es war die unerträglich selbstgefällige Stimme meiner Alten, die mich mal wieder, wie so oft an diesem warmen Sommertag, zum Schnauben brachte. Christina ist ganz schön selbstverliebt. Keiner darf ihr an die Haare fassen und wehe, man stört sie, während sie sich die Nägel lackiert. Aus irgendeinem Grund hatten wir nie dieses Mutter-Sohn-Verhältnis, wie man es sich immer so vorstellt. Eine liebevolle Mom, die sich rührend um ihren Sprössling kümmert. Von wegen! Mit neun Jahren tätigte ich meinen ersten Großeinkauf und durfte den vollgepackten Wagen allein nach Hause schieben. Daran erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen. Liegt wohl daran, dass ich den Einkauf noch heute erledige. Vor anderen will Muddern immer als perfekte Hausfrau dastehen, und seltsamerweise gelingt es ihr. Doch das liegt nicht daran, dass sie tatsächlich so eine tolle Hausfrau wäre, sondern daran, dass ich den meisten Scheiß alleine mache. Putzen, Wäsche – quasi alles. Kaum kommt man aus der Schule, da schwappt einem die brüllende Stimme der Alten entgegen. Selbst meine Freunde – ja, ich habe ebenfalls Freunde, wenn auch nur zwei an der Zahl – können manchmal nur noch mit dem Kopf schütteln. Kaum ist man aus dem Haus, da ruft einen die Mutter und verlangt dies und jenes. Vielleicht wurde ich ja adoptiert, oder ihr passt es nicht, dass ich nicht so bin, wie sie es sich erträumt hatte. Was weiß ich.
   „Steve!“ Als ob ich sie nicht schon beim ersten Mal gehört hätte.
Genervt öffnete ich meine Zimmertür. „Was denn?“
   „Komm mal eben. Wir müssen uns jetzt langsam, aber sicher beeilen!“
   „Ich komme ja schon.“ Seufzend begab ich mich zu ihr. „Was ist denn?“
   „Komm mir jetzt nicht so!“ Warum sie mich so anmeckerte, verstand ich nicht – aber das tat ich ja nie. Wenn ihr etwas nicht passt, dann lässt sie ihre Wut gern mal an mir aus.
   „Was ist denn?“
   „Du musst …“, begann sie ihren Satz, und immer, wenn ich dieses Wort müssen vernahm, dann fing es in mir an zu brodeln. Müssen muss ich gar nichts – außer sterben. „… noch einmal eben kurz …“
   Ja, ich musste mal eben kurz – mal wieder – einkaufen gehen. Solange sie mich nicht eines Tages darum bittet, ihr den Arsch abzuputzen, geht es ja noch. Fuck! Das soll sie wagen – aber ohne mich! Dies können gern andere machen. Meine Zukunft habe ich mir nämlich schon bildlich vorgestellt. Ja, ja – richtig ausgemalt habe ich sie mir. Sobald ich die Schule beendet habe, und Teufel noch eines, das werde ich, dann suche ich mir einen Ausbildungsplatz, den ich erfolgreich abschließen werde, und dann werde ich meine eigene Firma gründen. Zwar weiß ich nicht, was für eine Firma das genau sein soll, aber das spielt ja auch noch keine Rolle. Oh, und nebenbei verliebe ich mich natürlich, und sofern diese Sesselpupser in der Politik es dann endlich mal erlauben, werde ich ihn heiraten. Ja – ihn. Bin ein warmer Bruder. Wie das klingt: warmer Bruder. Voll schwul.
 
   Nachdem ich den Einkauf erledigt hatte, verbarrikadierte ich mich schnell in meinem kleinen, aber dafür sehr gemütlichen Reich. Okay, es ist nicht wirklich luxuriös oder dergleichen. Es herrscht eben mein ganz eigenes Chaos. Katastrophal würde meine Alte jetzt sagen, aber das soll mir am Hintern vorbeigehen. Mich nervt es nur, dass sie ab und zu durch mein Zimmer wütet. Sie nennt es aufräumen – ich nenne es pure Zerstörung meines Hab und Guts. Eltern sind schon etwas Komisches, findet ihr nicht? Wobei „Eltern“ so ja gar nicht stimmt. Schließlich bin ich nicht aus Herberts Sack geschossen, sondern aus dem eines anderen. Fragt mich nur nicht, wessen Klöten mich ausgekotzt haben, denn das ist ein Geheimnis, das meine Mutter hütet wie ihre Dildos. Schlechter Vergleich, denn diese unechten Dinger stehen überall in ihrem Schlafzimmer herum. Nicht, dass ich freiwillig dort hineingehen würde, aber manchmal, wenn ich die Gardinen abhängen beziehungsweise frische aufhängen muss, springen mich diese urkomischen – immer steifen – Teile förmlich an. Einer hat sogar Augen, und die Nase soll wohl die Eichel sein. Fraglich nur, warum sie überhaupt Dildos hat. Wahrscheinlich hat Herbert gar keinen Riesen in der Hose und der Spruch Dort hinterm Berg wohnt der Zwerg passt bestens zu ihm. Oder sie sind für ihn. Scheiße, Alter! So habe ich das ja noch nie gesehen. Oh, fuck! Wie auch immer. Nicht daran denken, dann wird alles gut.
   „Steve, komm mal bitte“, hörte ich Herberts Stimme.
   „Oha“, seufzte ich und öffnete mühevoll meine Tür. Warum ich Schwierigkeiten dabei hatte? Nun ja: Muddern hatte mal ein wenig zu tief ins Glas geguckt und war bei dem Versuch, meine Zimmertür zu öffnen, volle Kanne dagegen gedonnert. Sie ist jetzt nicht wirklich schwer, also meine Mutter, aber es hatte gereicht, um die Tür aus den Angeln zu heben oder, besser gesagt, zu brechen. Seitdem benötige ich immer ein wenig Kraft beim Öffnen und vor allem beim Schließen.
   „Herbert“, sagte ich schwerfällig, als ich ihm im Flur gegenüberstand.
   „Hast du schon alles gepackt?“
   In diesem Moment fragte ich mich, warum er sich danach erkundigte. Schließlich hatte ich meiner Familie schon am Vortag mitgeteilt, dass ich alles beisammen hatte. „Klaro!“
   „Gut, dann kannst du deine Sachen ja schon einmal runter zum Auto bringen.“
   „Sicher.“
   „Und ein paar von unseren Sachen auch, danke.“
   Ich hatte geahnt, dass da noch etwas kommen würde – war ja immer so. Ermattend trug ich die prallen Taschen meiner Mutter die vielen Stufen hinunter. Hinterher musste ich erst einmal schwer durchatmen. Hatte meine Alte etwa ihren kompletten Kleiderschrank eingepackt? Als ich zum Auto blickte, wurde mir plötzlich total warm. Die Kiste war alt und verbraucht. Um ehrlich zu sein, würde es mich wundern, wenn uns diese Karre tatsächlich bis zum Zielort transportieren würde. Innerlich hoffte ich ja, dass der Kleinwagen irgendwo auf halber Strecke schlapp machen würde und wir dann per Anhalter oder so zurückfahren müssten. Das wäre Action gewesen und weitaus besser als zwei Wochen lang auf einem Campingplatz – irgendwo am Arsch der Welt – sein zu müssen. Da ist es wieder, dieses Wort, und dieses Mal musste ich wirklich. Mir blieb ja nichts anderes übrig. Ganz besonders freute ich mich schon auf das öde Wandern am Meer. Ehrlich – mir wäre ein richtiger Urlaub lieber gewesen. Was ich unter einem richtigen Urlaub verstehe? Am Strand von Spanien oder Australien liegen und sich von anderen bedienen lassen, aber dazu reicht das Geld ja nicht. Wieso war meine Alte gleich noch mal mit Herbert zusammen? Ich weiß es nicht, echt nicht.
   „Steve!“, brüllte meine Mutter vom Küchenfenster aus.
   Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, dass ich erschrak. „Ja?“
   „Du sollst nicht rauchen, du sollst die Sachen nach unten bringen!“
   „Sofort.“
   „Nicht sofort – jetzt!“
   Ja, ich rauche. Ich sollte mich dafür schämen. Wobei ich glaube, dass, würde keiner aus der Familie rauchen, ich es auch nicht tun würde, oder? Scheiße, ich kann denen doch nicht für alles die Schuld geben. Es war viel mehr eine Art Gruppenzwang in der Schule. Wer keine Kippe in der Hand hielt, der war eben nicht cool. Und da ich nicht nur gute Noten haben, sondern auch dazugehören wollte – was mehr oder weniger gescheitert war –, hatte ich damit angefangen. Dumm, ich weiß. Aber was tut man nicht alles dafür, um dazuzugehören. Die einen marschieren ins Sportcenter, um abzunehmen, und andere dröhnen sich mit Alkohol zu, was ich übrigens nicht mache – ich trinke nicht, niemals! Mein Körper ist ein Tempel, bis auf die Lungen. Ach, lassen wir das, sonst bekomme ich noch ein schlechtes Gewissen. Vielleicht werde ich eines Tages mit dem rauchen aufhören – sofern ich den richtigen Typen an meiner Seite haben werde. Aber auch nur vielleicht, wenn er mich darum bittet – mit süßen Küssen und so. Ja, ein Teil von mir ist ein hoffnungsloser Romantiker und eigentlich bin ich auch eine ganz liebe Seele. Ich kuschle unglaublich gerne – fragt mal mein Kissen. Oha, mein armer Zukünftiger. Hoffentlich werde ich ihn nicht erdrücken, sodass seine Augen herausquellen oder so. Manchmal, da schau ich einfach zu viele Filme. Wie auch immer. Seitdem ich denken kann, wünsche ich mir eigentlich nur eines: einen festen Freund. Ja, sensible Seele eben … Kein Plan, wieso, weshalb oder warum. Allerdings wusste bis dahin niemand, dass ich schwul bin. Würde ich es bekannt geben, dann würden Welten zusammenbrechen. Ohne Scheiß, jeder, den ich kenne, stänkert gegen Homosexuelle. Eine in meiner Schulklasse, eine Strenggläubige, hat vor Kurzem ein Referat über die Christen und den ganzen Kack gehalten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagte sie voller Überzeugung – behauptete im nächsten Moment aber, dass Schwulsein eine Sünde sei und sie sich sogar für die Todesstrafe stark mache. Total daneben, aber überraschend war es weniger, denn dieses Miststück hatte schon immer eine seltsame Sichtweise. Geschockt war ich nur von meinem Lehrer, der ihr nickend zustimmte.
Habt ihr schon einmal die Bibel gelesen? Ich musste ja zur Grundschulzeit in den Religionsunterricht und wurde regelrecht dazu gezwungen, diese „heiligen Seiten“ zu studieren. Als ich meine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes anbettelte, mich aus dem Unterricht zu nehmen, da ich ja noch nicht einmal getauft sei, war sie erst dagegen, aber ich setzte mich durch. Ich bin die Sünde aller Sünden. Schwul und ungläubig. Herrlich.
 
   Das Auto war vollgestopft bis oben hin. Meine kleine Schwester und ich mussten hinten sitzen. Kim brauchte noch einen Kindersitz. Es war ein Wunder, dass dieser überhaupt hineinpasste. Enger ging es wirklich nicht mehr. Meine Mutter musste ihren Sitz natürlich weit nach hinten schieben, damit ich meine Beine auch ja nicht mehr bewegen konnte.
   „Und, bereit?“, fragte Herbert uns voller Vorfreude. Er schaute mit diesem gemeingefährlichen Grinsen über die Schulter.
   „Ja!“, quiekte Kim erfreut, während ich nur verkrampft lächelte.
   „Dann lasst uns!“ Herbert versuchte den Wagen zu starten, doch er sprang nicht an.
   Ja, ja!, freute ich mich im Geiste, doch zu früh, denn beim nächsten Versuch klappte es.
   „Ach“, Mama war entzückt, „diese Gegend werde ich mit Sicherheit nicht vermissen“, meinte sie mit dem Blick auf das Hochhaus.
Ich aber, ich aber, dachte ich und sah in der Ferne meine Freunde, die es sich auf einer kleinen Bank gemütlich machten. Manchmal, so glaube ich, lästern die beiden über mich. Hundert pro. Kaum dreht man ihnen den Rücken zu, schon zerreißen sie sich das Maul über einen. Bin halt sehr misstrauisch und vertraue niemanden mehr. Wieso? Na, weil ich einfach zu oft enttäuscht wurde. Trotzdem wünschte ich mir in diesem Moment, auszusteigen und zu ihnen gehen zu können. Tja, scheiße, nichts da.
   Auf dem Weg zur Autobahn spürte ich immer wieder, wie das Fahrzeug leicht auf- und abhüpfte. Es hatte etwas von einem Schaukelstuhl, und bei jeder noch so kleinen Bewegung hoffte ich, dass wir stehen bleiben würden. Aber das Glück war ja noch nie auf meiner Seite.
   Als wir auf der Autobahn ankamen, sah ich all diese tollen Wagen, die an uns vorbeisausten. Wahnsinn!, dachte ich immer wieder, während wir mit 100 km/h hinterher reisten. Meistens benutzte Herbert die rechte Spur – mehr war einfach nicht drin. Kim klatschte alle paar Sekunden – wie so eine Irre – in die Hände und meine Mutter musste natürlich alle 30 Minuten eine Zigarettenpause einlegen. Die Erwachsenen hätten ja im Auto rauchen können, doch aus Höflichkeit meiner kleinen, nervigen und alle paar Minuten fragenden Schwester – Sind wir schon da? – ließen sie es bleiben. Klar, ich rauche auch, aber aus unerklärlichem Grund wird mir immer ganz anders, sobald jemand während der Fahrt qualmt.
   Aus geplanten vier Stunden Fahrt wurden sechs und mehr. Irgendwann schaute ich schon gar nicht mehr auf meine billige Armbanduhr. Ich wusste nur noch, dass wir um kurz nach zehn losgefahren waren und es mittlerweile kurz nach 17 Uhr war. Dabei waren es höchstens 500 Kilometer.
   Die letzte Pause an einer Raststätte stand an, und ich war froh, als ich endlich wieder meine Beine bewegen konnte. Allerdings hatte ich kaum noch Gefühl darin und fiel, als ich aus dem Auto stieg, fast hin. Hastig hielt ich mich an der Tür fest, während meine Alte mich ganz dämlich anstarrte und dann kopfschüttelnd davon ging. Hattet ihr das schon mal, also kein Gefühl in den Beinen? Die ersten Schritte haben dann etwas von einem Gehbehinderten. Wirklich elegant sieht das Ganze nicht aus.
   „Sind wir bald da?“, hörte ich Kims nervtötendes Organ.
   „Ja, nicht mehr lange und wir sind am Ziel“, erwiderte Herbert und setzte sich mit seinem Kampfgewicht von 120 Kilogramm auf eine Bank. „Bald sind wir auf dem Campingplatz.“
   „Cool!“, freute sie sich, während ich genervt die Augen rollte und ein wenig über den Gehweg lief. Stundenlang mit der Familie in einem Auto zu sitzen ist echt kein Spaß. Erst labert der eine, dann die andere und schließlich lachen sie alle. Manchmal, so glaube ich, hat man mich im Krankenhaus vertauscht. Kann ja nicht anders sein, denn so verrückt bin ich nicht – oder doch?
Beim Öffnen der letzten Schachtel Zigaretten fragte ich mich allen Ernstes, wie ich diese zwei Wochen überleben sollte, denn Geld besaß ich keines, und ich bezweifelte, dass ich von Muddern oder ihrem Macker welches bekommen würde. Urlaub ohne Taschengeld. Harte Zeiten standen mir also bevor.
   „Stevieee“, rief mich meine Mutter. Ich hasse es, wenn sie mich so nennt. Sie winkte mich zu sich. „Nun komm schon, wir wollen weiter!“
   „Klar, sicher“, fluchte ich leise. Die anderen durften pausieren, wann sie wollten, nur ich nicht. Dabei hatte ich doch gerade erst wieder ein Gefühl in den Beinen und aufgeraucht hatte ich auch noch nicht.
   „Steve!“ Kennt ihr Malcom Mittendrin? Dessen Mutter brüllt den Namen der Kinder auch immer so laut, dass wirklich jeder sie hören kann.
   „Ich komme ja schon!“ Leicht gereizt, aber wirklich nur leicht, ging ich zurück zum Auto. Es war so scheiße heiß in dieser Kiste, dass ich schon beim Anblick zu schwitzen begann. Dem nicht genug, hatte Kim Verdauungsprobleme und ließ des Öfteren einen knattern. Zu gern hätte ich ja das Fenster ein Stückchen geöffnet, doch es besaß keine Kurbel – nur die beiden vorderen. Der Albtraum ging weiter. Zum Glück war es nicht mehr ganz so weit.
   Irgendwann fuhren wir dann durch einen wirklich wunderschönen, langen Tunnel. Das Licht hatte etwas Beruhigendes, etwas, das sich toll anfühlte. Minutenlang hatte ich diese Zufriedenheit in mir verspürt, bis das Tageslicht mich wieder blendete und die Sonne direkt auf uns herab schien. „Im Tunnel war es schöner“, redete ich vor mich hin.
   „Ja“, stimmte Herbert mir zu. „Hat was, nicht?“
   „Jupp.“ Aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass er sich wohl mehr erhofft hatte, aber was hätte ich sonst noch darauf erwidern sollen? Sollte ich ihn dafür loben, dass er mir zustimmte? Also echt.
 
   Endlich verließen wir die Autobahn und fuhren durch ein Kaff nach dem anderen. Langweilig war es nicht, nein – es war mehr als das. Dort ein Häuschen, hier ein Baum. Dann kamen wir an und ich sah nach langer Zeit endlich mal wieder einen Menschen. Als ich die Tankstelle, die sich ziemlich nah an der Einfahrt zum Camp befand, erblickte, freute ich mich tierisch. Dort würde ich Zigaretten und Zeitungen bekommen, sofern ich Geld ergattern könnte.
   Herbert fuhr in die Einfahrt und freute sich. „Endlich sind wir da!“
   „Wurde aber auch Zeit“, stöhnte meine Mutter und lachte dann unerwartet.
Wohnwagen, Zelte und sogar Hütten sah ich. Noch machte Herbert es spannend, denn bisher hatte er uns nicht mitgeteilt, wo wir überhaupt schlafen würden. Ich hoffte ja nur, dass es kein Zelt sein würde. Eine Hütte wäre doch perfekt. Eine für mich ganz allein … Ach, man darf ja noch träumen.
   „Ich parke dann mal“, verkündete Herbert. Als ob wir es nicht mitbekommen hätten.
   Endlich konnte ich mich wieder frei bewegen. Ein herrliches Gefühl, wenn man laufen kann. Gerade als ich mir eine Zigarette anzünden wollte, hielt Mama mich davon ab. „Du musst …“
   Ja, ich musste, und zwar alle Taschen aus dem Auto heben. Sie stand währenddessen daneben und qualmte eine. Sehr nett, ich weiß. Ihr Freund hingegen ging zur Rezeption, um uns anzumelden, und kam erst etliche Minuten später wieder zurück.
   „So.“ Herbert grinste uns an. „Können wir?“
   „Gerne“, stöhnte die Alte völlig erschöpft.
   Sitzen kann so anstrengend sein, dachte ich. Glaubt mir, das kann es wirklich.
Mama griff nach ihrer Handtasche, schüttelte ihr langes, gelocktes, schwarzes Haar und ging voran. Den Rest durften Herbert und ich tragen. Kim hüpfte wie ein Flummi vor uns herum und jubelte alle paar Sekunden.
   „Das da“, erklärte Herbert und nickte nach rechts zu einem kleinen Gebäude, „sind die Duschen und Toiletten.“
   Wie jetzt? Ich war geschockt! Hat die Hütte keine Dusche und keine Toilette?
   „Aha“, sagte Mama ausgelaugt. „Ist es denn weit von unserem Platz aus?“
   „Ähm“, überlegte er kurz, „nein.“ Nun grinste er. „Da ist es. Müsste es zumindest. Man sagte mir an der Rezeption, dass es so ziemlich der letzte sein soll.“
   „Wo ist was?“, fragte ich und blieb abrupt fassungslos stehen, nachdem Herbert auf dieses Objekt gezeigt hatte. Ein Wohnwagen mit Vorzelt. Der Caravan wirkte auf mich ziemlich klein. Schließlich waren wir zu viert. Wo sollten wir alle schlafen?
   Total begeistert stellte Herbert die Taschen ab und spähte durch die Panoramafenster des Vorzelts. „Das ist unserer.“ Sein Gesicht war so voller Stolz, dass ich ihn aus purer Höflichkeit anlächelte. Noch war ich ja – mehr oder weniger – guter Dinge und stellte erst einmal die vielen Taschen im Vorzelt ab.
   „Das ist ja groß“, behauptete Mama perplex.
War das jetzt Sarkasmus?, fragte ich mich. Ihre Miene hatte etwas Rätselhaftes an sich.
   „Bereit?“ Herbert versuchte, Spannung aufzubauen, und rieb die Hände aneinander. Dann öffnete er die Tür des Wohnwagens und ging die drei Stufen hinauf. „Das ist echt schön!“, sagte er erfreut. Schnell folgten ihm die beiden Mädels, während ich noch warten musste. War mir aber auch ganz recht, denn endlich konnte ich mal eine rauchen.
   Da stand ich also. Allein auf einem Rasen. Einige Meter schräg gegenüber – auf der anderen Seite des Gehweges – war ein weiterer Wohnwagen. Hinter unserem befand sich nichts als Bäume. Interessant war der Blick auf die andere Seite, denn dort war ein großer Hügel – ja, ganz toll, ich weiß, aber neugierig war ich schon. Was sich wohl dahinter befindet?
   „Steve!“ Mamas Organ schallte über den Platz.
   Mit hochgezogener Augenbraue schaute ich sie genervt an. „Ja?“
   „Jetzt darfst du gucken kommen.“ Dies ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. „Auf der rechten Seite im Wohnwagen schläfst du – mit Kim.“
   Sofort begann mein Auge zu zucken. Ist so ein nervöser Tick von mir, den ich seit Kurzem habe. Ich ließ mir den Schock durchaus nicht anmerken und ging einfach an ihr vorbei. Doch das Zucken meines Lides wurde stärker, als ich mich im Inneren des Palastes befand. „Du sagtest doch, dass ich mit Kim hier schlafen soll“, sagte ich völlig verwirrt. „Aber hier ist eine Essecke.“
   „Die kann man ausfahren“, klärte Herbert mich auf. „Cool, nicht?“
   „Ja, ganz cool“, murmelte ich entgeistert. „Habe ich wenigstens eine eigene Bettdecke?“ Ganz verzweifelt guckte ich meine Mutter an.
   „Ja, die hast du.“
   Mir fiel ein Stein vom Herzen – leider waren noch zu viele darauf.
   Herbert überlegte kurz und machte dabei dieses nachdenkliche Gesicht. Das tut er immer – vor allem, wenn er etwas möchte oder uns etwas ganz Wichtiges mitzuteilen hat, was aber total unbedeutend ist. „Ich gehe mal eben ein Bierchen trinken.“ Er sagte es so, als ob er sich das gänzlich verdient hätte.
   „Mach das.“ Mama sah mich auffordernd an. „Wir werden dann schon einmal die Taschen auspacken.“
   „Okay, bis gleich“, hörte ich Herbert noch sagen, während ich die Alte ansah und ihr am liebsten ein Nein vor den Kopf geknallt hätte. Doch stattdessen gehorchte ich wie ein Sklave – wie immer. Eine ganze Stunde lang scheuchte Mama mich von links nach rechts und von da nach dort. Es war wie zu Hause. Mach dies, mach jenes.
   Nach knapp einer Stunde setzten Muddern und ich uns auf Campingstühle. Die Sonne verschwand bereits am Horizont und ich wusste immer noch nicht, was sich hinter dem Hügel befand. Doch war es mir gerade auch egal, denn ich war nur eines: völlig erledigt und hungrig. Essen gehen war allerdings nicht drin. Stattdessen gab es die belegten Brötchen vom Morgen.
   „Wollen wir uns die Gegend anschauen?“, wollte Mama mit erschöpfter Stimme wissen.
   Ich schüttelte den Kopf. „Können wir doch auch morgen noch tun.“
   „Recht hast du. Bist auch müde, nicht?“ Nun klang sie wieder freundlich. Solche Stimmungsschwankungen kann doch kein Mensch haben. Sie war weder in der Pubertät noch in den Wechseljahren. Mal ist Muddern total nett und lieb und dann wieder wie ein Monster, das manchmal kurz davor ist, einem den Kopf abzureißen. Versteh einer diese Frau.
 
   Bettzeit war bereits um kurz nach zehn, schließlich war Kim ja noch ein Kind. Mein Alter spielte dabei keine Rolle, was mir in diesem Moment aber auch egal war, denn die Müdigkeit war mir mit Sicherheit ins Gesicht geschrieben. Bevor es jedoch zu Bett ging, mussten wir an die fünf Minuten bis zu der Gemeinschaftsdusche laufen und uns brav die Zähne putzen. Meine Mutter und ihr Freund gingen noch duschen. Ich verzichtete darauf, denn Gemeinschaftsduschen sind mir einfach zuwider. Früher oder später müsste ich duschen, das war mir bewusst, nur jetzt nicht. Nicht heute.
   Zurück im Wohnwagen machte Herbert das tolle Bett für mich und Kim fertig. Zwar hätte ich es selbst gekonnt, aber er wollte uns ja zeigen, dass er handwerklich begabt ist. Von wegen! Die Lampe im Schlafzimmer hängt auch nach einem halben Jahr noch schief von der Decke und der Wasserhahn im Badezimmer tropft auch schon seit geraumer Zeit.
   „Na, ist das nicht schön?“, fragte Herbert uns. Er setzte sein gewinnendstes Lächeln auf, während ich nur nickte. Besonders groß war das Bett nämlich nicht und unter einer weichen Liegefläche verstand ich auch etwas ganz anderes. Ich versuchte, so weit wie es nur ging von Kim entfernt zu schlafen, denn ihr langes, blondes Haar, das sie natürlich offen tragen musste, war einfach überall. Außerdem furzt sie ziemlich gerne. Zum Glück, und das war es wirklich, konnte ich das kleine Fenster über mir ein Stückchen öffnen. So erstickte ich wenigstens nicht. Eine angenehme Nacht war es trotzdem nicht. Meine Stirn drückte fast schon gegen die Wand. Nun hoffte ich nur noch, ausschlafen zu können.

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