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BREAKAWAY

GEFÜHLE KANN MAN NICHT LEUGNEN

Kein Mensch kann über einen längeren Zeitraum ein Gesicht für sich selbst tragen und eins für die anderen, ohne im Endeffekt verwirrt zu sein, welches das echte sein mag.

Kyle ist unsicher und wird von den meisten geächtet. Aufgrund von Mobbing-Attacken muss er das 9. Schuljahr wiederholen. In seiner neuen Klasse findet er schnell Anschluss und verliebt sich in den beliebten Mitschüler Adam Dragora. Das bizarre Verhalten von Adam verwirrt Kyle jedoch, und er weiß nicht, ob der Südländer echtes Interesse an ihm hat. Lucia, Adams Mutter, wünscht sich für ihren Sohn ein anständiges Mädchen. Als sie allerdings befürchtet, dass Adam unnormal sein könnte, bricht für die aufbrausende Spanierin eine Welt zusammen. Homosexualität ist für sie eine Sünde, die man nicht vergeben kann. Bald muss Adam eine folgenschwere Entscheidung treffen.


»Breakaway erzählt die Geschichte zweier Jungen, die sich auch noch zehn Jahre nach ihrem Abschied nacheinander sehnen.«

BREAKAWAY: Gefühle kann man nicht leugnen

"Das Buch ist exzellent. Es hat mich vom ersten bis zum letzten Moment gefesselt. Jedes Mal, wenn ich an einer Stelle etwas erwartet habe, kam es anders. Dadurch ist der Reiz nicht verloren gegangen. "
Daniel

(Leser auf Amazon)

Fakten & Daten:

- geschrieben: Sommer 2006 & Ende 2012
- Erstveröffentlichung: Februar 2013
- Platz 1 (Amazon "Drama" & "Schwule")
- Korrektorat: Astrid Pfister & L. Franke
- Seiten: 400
- Preis: 16,90 Euro (Buch) / 6,99 Euro (E-Book)


Realitätsgetreu

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Biografisch

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Fiktion

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Sex

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Gefühle / Liebe

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29.03.2018
 
Was ist Liebe?
Glaubt man der Wissenschaft, so sind verschiedene Botenstoffe für die Euphorie verantwortlich. Adrenalin, Endorphin, Cortisol … sie haben für alles eine Erklärung. Nach knapp drei Jahren soll dann dieser Rauschzustand, den man anfangs erlebt hat, vorbei sein. Das Gehirn soll sich angeblich wieder normal verhalten – was stimmt mit meinem nicht? Was interessiert mich das Testosteron, die Pheromone oder der Serotoninspiegel, wenn meine Gefühle seit über zwölf Jahren konstant bleiben? Ich kann es ja selbst kaum glauben, aber ich vermisse ihn immer noch. Nie kamen wir uns wirklich näher, und dennoch sehne ich mich nach einem Menschen, der es eigentlich nicht wert ist, geliebt zu werden – zumindest nicht von mir.
Wären wir nach all den Jahren noch zusammen, wenn sich unsere Wege nicht getrennt hätten? Ist er ein guter Liebhaber? Kann er küssen und ist er romantisch veranlagt? Würden sich seine Hände sanft auf meiner Haut anfühlen, und sind seine Worte wohltuend für die Seele? Selbst wenn ich all diese Fragen mit Nein beantworte, kann ich nicht aufhören, über ihn nachzudenken. Zugegeben: Es ist jedoch nicht so, dass ich jetzt jeden Tag von morgens bis abends über ihn philosophiere, nein. Oft habe ich ihn vergessen können, bis er zurückkehrte – zurück in meine Träume … wieder und wieder. Ich hasse es … will es nicht mehr. Habe es satt, mir dauernd die gleiche Frage zu stellen: Was wäre wenn?
Dieses „wenn“ existiert nicht – nicht in diesem Leben, oder doch? Nein, er hat mich nicht verdient. Sein gutes Aussehen hat mich geblendet. Diese Augen getäuscht … innerlich ist er kalt. Ein Macho mit hohen Ansprüchen. Selbstverliebt, arrogant, ein Heuchler! In der Gruppe stark, allein so schwach.
Dennoch bekomme ich ihn einfach nicht aus meinem Kopf. Er ist da – warum? Gibt es dafür auch eine wissenschaftliche Erklärung? Verletzt hat er mich … mich mit Worten beleidigt … und doch empfinde ich keinen Hass. Wo ist mein Hass? Nur das Beste dieser Welt wünsche ich ihm, während er mich wahrscheinlich, ohne mit der Wimper zu zucken, erschießen lassen würde.
Wenn wir uns in meinen Träumen begegnen, dann fühlt es sich so real an. Es ängstigt mich. Wir sind uns so nah und doch so fern. Kein Bild von ihm schmückt meine Wand, und doch kann ich ihn sehen, mich an seine Stimme erinnern.
War es schon immer eine einseitige Liebe gewesen?
Schlaflose Nächte überstehe ich mit den Gedanken an ihn. Eine seltsame Liebe. Normal tickt mein Hirn wirklich nicht. Aber wie er einst schon behauptete, gehöre ich wahrscheinlich wirklich in die Klapse, weil ich ihn liebe. Ist es Liebe? Vielleicht ist es ja auch etwas ganz anderes. Möglicherweise bin ich wahnsinnig – das wird es wohl sein. I ´m obsessed. Besessen von einem Gefühl. Ein Gefühl, das mich kontrolliert. Ich will es nicht mehr haben. Ich wünschte, ich könnte mich endlich von diesem Verlangen lösen … dieser Vorstellung … dieser Hoffnung. Manchmal, da wünschte ich, dass wir uns niemals begegnet wären. Vieles wäre einfacher.

Wird es jetzt mein ganzes Leben lang so ablaufen?
 
 
   1. Kapitel
 
   Mit dem Blick auf die Teletextuhr wurde er nervös. Sieben Uhr zehn. Lief der Sekundenzähler schneller als sonst oder kam es ihm nur so vor?
    „Kyle!“, rief Tina, die Mutter des Teenagers, von der Wohnzimmercouch aus, nachdem es an der Haustür geklopft hatte.
    „Ja?!“, brüllte er entnervt zurück und betrachtete sich, wie so oft an diesem Morgen, im Spiegel. Kyle war nervös und fuhr ständig über sein kurzes blondiertes Haar. Jede Strähne sollte perfekt sitzen und er tat wirklich alles dafür – mittlerweile seit über einer halben Stunde.
Wieder klopfte es. „Kyle!“, lärmte Tina.
    „Ich gehe ja schon!“, stöhnte er und nahm seinen blauen Rucksack. Er öffnete seine Zimmertür und erschrak, als ihm seine Mom entgegen kam.
    „Und du gehst zur Schule, mein Freund!“, warnte sie mit erhobenem Zeigefinger.
    „Wohin sonst?“, fragte er und begab sich hinaus.
    „Moin“, begrüßte er seine beste Freundin Sabine, die mit ihrem Bruder im Hausflur stand. Ihre gekrümmte Haltung erinnerte ihn an den Glöckner von Notre Dame.
   „Er geht zur Schule!“, sagte Tina mahnend zu Sabine.
   „Keine Angst“, antwortete Sabine schweren Herzens. „Ich passe schon auf, dass er hingeht.“ Sie warf Kyle einen frechen Blick zu. Kyle rollte die Augen.
   „Ja, wir gehen zur Schule“, freute Marco sich. Seine Stimme klang für Kyle wie die einer Oberschwuchtel. Grauenvoll. Viel zu hoch – viel zu tuntig und sein Aussehen war auch nicht gerade das, was man männlich nennen konnte.
   „Und wehe, du gehst nicht hin!“, mahnte Tina noch einmal, bevor sie die Tür hinter sich schloss.
   „Was für ein schöner Tag das doch ist“, murmelte Sabine ironisch, als sie die ersten Stufen der Treppe hinunterging und fast über ihre überdimensional großen Füße, die in nicht gerade schönen Sandalen steckten, stolperte. Die Jungs kicherten.
    „Lacht nicht!“, maulte Sabine beschämend. Schnell kam sie auf Kyles Mutter zurück. „Deine Mutter ist ja wieder mal gut gelaunt.“
    „Wie immer“, seufzte Kyle und spähte kurz auf Sabines Schuhwerk. Wenn er eines am menschlichen Körper unattraktiv fand, dann waren es Füße. Ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken.
    „Auf Wiedersehen Sommer 2005“, trauerte Sabine und öffnete die große blickdichte Glastür. „Willkommen, bittere Realität“, jammerte sie, als sie nach vorn über die vielen Mülltonnen zum abgeernteten Weizenfeld schaute.
   „Sind doch nur vier Stunden“, erinnerte Kyle sie und ging die fünf Stufen vor ihm hinunter. „Wird schon.“
   „Ja toll!“, klagte sie. „Die haben dich gefälligst in meine Klasse zu stecken!“, forderte sie von Kyle – etwas, was sie bereits den ganzen Sommer über getan hatte.
   Als ob ich darüber entscheiden könnte, dachte er nun schon zum tausendsten Mal. Zwei neunte Klassen gab es und in eine wollte Kyle absolut nicht, und zwar in die von Sabine. Bei dem Gedanken an Sabines Mitschüler lief ihm jedes Mal ein eiskalter Schauder über den Rücken. Gesagt hatte Kyle es ihr allerdings nicht. Hätte er es getan, dann wäre Sabines rotes Haar höchstwahrscheinlich noch dunkler geworden, denn eines beherrschte sie nämlich wie keine andere – die Kunst sich aufzuregen. Wenn ihr etwas nicht passte, dann bekam sie stets diesen irren Blick. Ihre Augen wurden dann ganz groß und ihr breiter Mund formte sich zu einem überdimensionalen Loch, aus dem nur verbaler Müll herauskam. Nein, das wollte er nicht. Auf keinen Fall!

   Sabine, die sich bei jeder Gelegenheit eine rauchte, zündete sich eine ihrer selbst gestopften Sargnägel an und spuckte auf dem zehnminütigen Weg zur Bushaltestelle fortlaufend auf den Boden. Ihr Gang erinnerte dabei an eine Ente.
   Kyles Magen begann sich umzudrehen. Bah!, wütete er innerlich, während er in seinem Rucksack nach seinen Zigaretten kramte.
   „Ich habe voll keine Lust!“, klagte Sabine.
   „Es wird auch nicht besser, wenn du dich ständig wiederholst“, murrte Kyle und zog an seiner Fluppe. „Kannst du nicht mal gerade gehen?“, fragte er mit einem Blick auf Sabines komischen Pisspott-Haarschnitt.
   „Wieso sollte ich?“ Sie rotzte auf den Boden.
   „Das ist ekelig“, giftete Marco, der immer vergebens versuchte, sich in das Gespräch mit einzubringen. Mit Absicht pustete sie den Qualm in das Gesicht ihres einen Kopf größeren Bruders. „Bine!“, hustete er.
   „Tja“, sagte sie. „Selbst schuld! Was rauchst auch nicht?!“
Ihre von sich gegebenen Sätze waren für Kyle oft ein mysteriöses Rätsel, das er einfach nicht lösen konnte. Dachte sie überhaupt nach, bevor sie etwas von sich gab?
   Ihren Bruder, der ständig irgendetwas vor sich hinplapperte, überhörte er. Noch nie hatte er das Kauderwelsch verstehen können. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er es einfach nicht wollte.
   „Linus!“, grölte Sabine unerwartet.
   „Nicht die Olle!“, fluchte Linus, der auf dieselbe Schule ging wie die Drei, die sich ihm gerade näherten. Mit einem gespielten Lächeln drehte er sich zu ihnen um.
   Dem Teufel sei Dank!, dachte Kyle. Manchmal konnte Sabine ein wenig anstrengend werden. Fast den ganzen Sommer über hatte Kyle sie tagtäglich ertragen müssen. Da tat ein wenig Abwechslung, wie eine vernünftige Konversation, die er oft mit Linus führte, mehr als nur gut.
   „Na!“ Sabine schlug ihm rabiat auf die Schulter.
   Flüchtig blickte Linus zu ihr. „Morgen.“ Schnell sah er zu Kyle. Sein Gesichtsausdruck sagte alles. Kyle wusste sofort Bescheid und musste sich das Schmunzeln verkneifen.
   „Wie läufst du eigentlich schon wieder rum?“, stänkerte sie.
   Fragend schaute Linus an sich hinab. Zugegeben – er war nicht gerade sehr modebewusst und viel Geld besaßen seine Eltern auch nicht, doch er verstand Sabines Vorwurf nicht. Viel besser gekleidet war sie nämlich auch nie. Oft trug sie ein kurzes Top, um ihre nicht vorhandenen Brüste zur Schau zu stellen, eine etwas weitere Hose, - meistens Baggys, die sonst nur Jungs trugen – oder auch, so wie heute, viel zu knappe Pants. Er hingegen trug ausgewaschene Jeanshosen, für gewöhnlich ein kariertes Hemd und normale Sportschuhe, die zugegebenermaßen schon etliche Kilometer hinter sich hatten.
   „Kein Tittchen, sieht aus wie Schneewittchen“, konterte er gelassen.
   „Ey!“, keifte sie und glotzte hastig zu Kyle. Verwirrt sah er sie an. „Du läufst auch nicht viel besser rum!“, kritisierte sie ihn und schnippte den übrig gebliebenen Stummel auf die Straße. Sofort griff sie zur nächsten Zigarette.
Linus schüttelte den Kopf und dachte sich seinen Teil. Dabei hatte sich Kyle an diesem Morgen besonders viel Mühe gegeben. Ein weißes Hemd, das er am Vorabend extra gebügelt hatte, eine blaue Jeans und schicke schwarze Sneakers.
   „Kein Wunder, dass dich die anderen für schwul halten“, spöttelte sie.
   Aus jüngsten Gesprächen wusste Linus, dass Kyle derzeit ganz andere Probleme hatte, als sich Gedanken über Sabines bescheuerte Bemerkungen zu machen. „Ist doch seine Sache, wie er herumläuft!“
   „Jetzt sei doch mal ehrlich!“, meckerte sie. „Wer läuft denn bitteschön so herum?!“
   Und während sie sich, wie so oft, zankten, dachte Kyle nur über eines nach – die neue Klasse. Würde er tatsächlich in Sabines kommen oder doch ins kalte Wasser geschubst und ganz neue Leute kennenlernen?
 
   An der Bushaltestelle angekommen, guckte Kyle auf seine Armbanduhr. „Noch drei Minuten“, seufzte er.
   „Ach, menno!“, nörgelte Sabine und zündete sich erneut eine Kippe an.
   „Jammer nicht herum“, verlangte Linus.
   „Du hast ja auch leicht reden!“, plapperte sie. „Du musst ja nur noch dieses Jahr!“
   „Und ich muss noch drei!“, warf Marco beleidigt ein.
   „Ach, du!“, sagte Sabine abwertend. „Das soll uns doch egal sein.“
   „Bine!“, knurrte er.
   „Ts“, tönte es aus ihr mit einer abwertenden Handbewegung. „Ich fühle mich heute so alt“, stöhnte sie nun.
   „Du bist doch erst – wie alt … fünfzehn?“, stutzte Linus.
   „Na und?!“, fauchte sie. „Bei dieser Hitze kann man sich doch nur alt fühlen.“
Linus schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Jahr älter und mir geht es bestens.“
   „Freu dich doch!“, murrte sie.
   „Mache ich auch“, grinste er frech. „Vielleicht solltest du mehr Sport machen und weniger rauchen.“ Böse glotzte Sabine ihn an. Er wusste, dass er sie so auf die Palme bringen konnte. Sie zu verulken, war stets ein Hochgenuss.
   „Bin ich denn bescheuert?!“, wütete sie. „Mach doch selbst Sport!“
   „Mach ich, und das mit Vergnügen.“
   Sie wandte sich von ihm ab und ging zu Kyle. „Der ist doch bescheuert, nicht?!“
   Doch Kyle gab ihr keine Bestätigung. „Du bist jünger als ich und viel schneller außer Atem. Vielleicht solltest du echt weniger rauchen.“
   In Sabine begann es zu brodeln. „Du bist gerade mal zwei Monate älter, und soweit ich weiß, schwänzt du doch selbst immer den Sportunterricht!“
Kyle zuckte die Achseln.
   Marco kicherte sich einen ab. „Aber echt, Schwesterherz. Mach mal Sport, damit deine Titten wackeln.“
   Ihr verächtlicher Blick sagte alles. „Du sei mal ganz ruhig. Mit deinen vierzehn Jahren kannst du noch gar nicht mitreden. Dies ist ein Gespräch unter Erwachsenen.“
   Linus brach in Gelächter aus. „Ein Erwachsenengespräch“, quiekte er, während Kyle schmunzelte.
   Sabine war alles andere als erfreut. „Macht euch ruhig lustig über mich!“ Beleidigt begab sich hinüber zur Bank. „Lacht nur.“
   „Oh man“, kicherte Kyle. „Manchmal bist du echt zum Abschießen komisch.“
   „Ts.“
   „Ich sehe ihn.“ Linus sichtete den Bus.
   „Boah ey!“, klagte Sabine erneut. „Und dann ist der gleich wieder proppenvoll, wetten?!“
   „Bine“, seufzte Marco. „Die steigen doch alle bei der nächsten Haltestelle aus.“
   „Das weiß ich selbst!“
   Oh Mann!, dachte Linus. Bin ich froh, wenn ich das alles hinter mir habe!
Der Bus hielt an. Seine Kapazität war mehr als nur begrenzt. Selbst das Stehen wurde zu einer Tortur, doch das nahm beim nächsten Stopp ein Ende. Schnell ergatterten die Realschüler einen Viererplatz. Da keiner von ihnen wirklich beliebt war, schwiegen sie während der fünfzehnminütigen Fahrt.
 
   Am Zielort angekommen, stiegen die vier Schweigenden aus und liefen extra ein wenig langsamer, um von den anderen Schülern Abstand zu bekommen. Erst als sie um die Ecke gebogen waren und die Schule, deren Mauern aus braunem Gestein bestanden, sahen, gebrauchten sie ihre Stimmbänder wieder.
   „Ach, Mann!“, jammerte Sabine, die am liebsten wieder den Rückweg angetreten wäre. „Das ist doch ein Scheiß!“
   Linus musste sich das Lachen verkneifen. Kyle hingegen war total in sich gekehrt.
   Plötzlich zerrte Sabine an Kyles Arm.
   „Hey!“, meckerte Kyle. „Ich kann alleine laufen!“
   „Wir gehen jetzt sofort zu meinem Lehrer und sagen ihm, dass du in meine Klasse kommst, basta!“
   „Der Arme“, wisperte Linus. Grienend sah er den beiden hinterher und begab sich dann zu seinen Kameraden, die schon auf ihn warteten. Marco sichtete ein bekanntes Gesicht und freute sich.
 
   „Wo ist er?!“, rätselte Sabine, die mit Kyle quer über den Schulhof ging. Suchend schaute sie sich um. Ihre Augen erfassten fast jeden, der sich in unmittelbarer Nähe befand. Bei den wenigen Fahrradständern befand sich der Gesuchte schon mal nicht. Wo also dann? Vielleicht hinter der Schule – bei der Sporthalle? Das wollte sie sofort wissen. Sabine drehte sich um und erblasste, als unerwartet eine kleine Lehrerin vor ihr stand.
   „Einen wunderschönen guten Morgen!“, lächelte die fast sechzigjährige Lehrerin, die ein wenig korpulent war.
   „Haben Sie meinen Lehrer gesehen?“, wollte Sabine von der erfreuten Pädagogin wissen.
   „Erst mal einen wunderschönen guten Morgen!“
   „Ja, guten Morgen, Frau Bach“, schwafelte Sabine, deren Augen weiter Ausschau hielten.
   „Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich auch dir, mein lieber Kyle.“
   „Morgen“, gab er freundlich zurück.
   „Und?“, erkundigte sie sich neugierig. „Schon aufgeregt wegen deiner neuen Klasse?“
   „Er kommt in meine Klasse“, stellte Sabine sofort klar. Frau Bach erkannte sofort, dass Kyle darauf nun wirklich keine Lust hatte. Aber Sabines Vorhaben würde sowieso scheitern, das wusste die braunhaarige Pädagogin.
   „Das wollen wir ja erst einmal sehen, denn der liebe Kyle wird mit Sicherheit in meine Klasse kommen.“
   „Nein, in meine!“, widersprach Sabine.
   Kyle fühlte sich geschmeichelt. Gleich zwei Frauen stritten sich um ihn. Ich bin ein Objekt der Begierde, schmunzelte er im Geiste. Liegt bestimmt an meinen wunderschönen blauen Augen. Dumm war nur, dass ihn Frauen, egal ob jung oder alt, so überhaupt nicht interessierten. Doch das konnte ja keiner der beiden Diskutierenden erahnen.
   Wobei Frau Bach schon beim ersten Aufeinandertreffen mit Kyle das Gefühl gehabt hatte, dass er anders als die anderen war. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie ihm im letzten Schuljahr dazu geraten hatte, die Klasse zu wiederholen. In ihrer Klasse würde es ihm besser gehen, das wusste sie einfach. Und nach all dem, was der junge Kyle in der Vergangenheit mitgemacht hatte, würde es ihm gut tun, in ein gesittetes Umfeld mit anständigen Schülern zu kommen. Weit weg von denen, die ihn einst in Mülltonnen gesteckt, bespuckt oder beleidigt hatten.
   „Wir werden es ja sehen!“, fluchte Sabine.
   „Ja, das werden wir.“ Innerlich amüsierte sie sich köstlich über das Verhalten der Aufgebrachten.
   Sabine entdeckte ihren Lehrer. „Herr Schmund!“, brüllte sie quer über den Schulhof.
   Der große Lehrer mit dem gelben Oberlippenschnurrbart drehte sich um. Och, nicht die! Schnell setzte er eine freundliche Miene auf. „Sabine!“
   „Kyle kommt doch in unsere Klasse oder?!“, bettelte sie schon fast.
Herr Schmund blickte flüchtig zu Kyle, der genervt zu sein schien, und sagte „Das entscheidet der Rektor und nicht ich.“
   „Boah, ey!“, meckerte Sabine und zog Kyle unverzüglich ins Innere der Schule, die nicht gerade groß war. Durch die gläserne Edelstahltür, links an den Toiletten vorbei und stampfend durch den Pausenraum, der lustigerweise in jeder Pause unpassierbar war. Das Ziel war angepeilt. Noch ehe sie das Lehrerzimmer erreichten, ertönte die Schulglocke.
   „Boah, ey!“, maulte sie und ging etwas schneller weiter. Kyle folgte ihr wortlos. Und während die meisten Schüler bereits den Weg in ihre Klassen fanden, standen Sabine und Kyle vor dem Sekretariat – wartend auf den Mann mit Bart, den Rektor.
   „Ist hier das Sekretariat?“, wurden sie überraschend von einer Brünetten gefragt.
   Sabine musterte die Fremde mit zugekniffenen Augen. Ihre schicke Aufmachung war Sabine ein Dorn im Auge. „Bist du neu hier?“, fragte sie und rückte der Fremden auf die Pelle.
   „Ja. Ich suche das Anmeldezimmer.“
   „Du stehst davor“, witzelte Sabine. „In welche Klasse kommst du denn?“, wollte sie sofort wissen.
   „In die Neunte“, antwortete die Neue und betrat das Sekretariat.
Die Frau hinter dem Schreibtisch guckte sie fragend an. „Ja, bitte?“
   „Ich bin neu hier und muss zum Rektor. Ich habe hier zwar ein paar Zettel“, sie kramte in ihrem Rucksack, „aber ich weiß nicht, wohin ich muss.“
   „Der Rektor kommt gleich. Ein wenig Geduld, bitte.“
   Dass die Sekretärin nicht auf ihre Zettel einging, nicht einmal einen Blick darauf warf, störte die Brünette. Sie zog ein strapaziertes Gesicht und begab sich wieder hinaus.
   Sabine hatte natürlich alles mitgehört und stellte sofort klar: „Ihr kommt beide in meine Klasse, ganz einfach.“
   „Wieso?“, stutzte sie. „In welche Klasse geht ihr denn?“
   „In die Neunte“, erwiderte Sabine.
   „Wie viele gibt es denn?“, erkundigte die Neue sich eilig.
   „Zwei.“
   „Und ihr geht beide in dieselbe?“
   Kyle zuckte die Achseln.
   „Ich warte auf den Rektor“, erklärte Sabine. „Ich will, dass Kyle in meine Klasse kommt. Er ist nämlich im letzten Jahr sitzen geblieben.“
Für Kyle eine total unangenehme Situation. Musste Sabine die Fremde sofort darauf aufmerksam machen?
   „Ich auch“, gab die Neue unerwartet zurück.
   „Echt?!“, staunte Sabine. „Von welcher Schule kommst du denn?“
   „Gymnasium.“
   „Ach ne, ey!“, erschreckte Sabine sie mit einem unheimlichen Laut und begann vor sich hinzugackern.
   „Was denn?“
   „Ach ...“, erzählte Sabine schleppend. Kyle rutschte das Herz in die Hose. „Wir kennen da so einen Typen, ey, der hat voll einen an der Waffel!“
   „Wer denn?“
   „Jan Bauer … kennst den?!“
   „Sagt mir nichts.“
   Kyle fiel ein dicker Stein vom Herzen.
   „Wie heißt du überhaupt?“, fragte Sabine sie mit einem gemeinen Grinsen.
   „Michelle“, stellte sie sich vor.
   „Ich bin Sabine und das ist Kyle.“
   Michelle nickte nur und blickte ungeduldig ins Sekretariat.
   „Wir sagen dem Rektor, dass ihr beide in meine Klasse kommt!“
   Nun konnte Kyle es wirklich nicht mehr hören. Klasse hier, Klasse da, dachte er und beäugte Michelle kurz. Er erkannte, dass Michelle genau so wenig begeistert von Sabines Vorhaben zu sein schien wie er selbst.
   „Der soll sich mal beeilen!“, murrte Michelle, als sie auf die Uhr sah, die in der Pausenhalle an der Wand hing.
   Endlich ging die Tür auf. Der große Rektor mit dem zotteligen Bart kam hinaus und begrüßte die Drei mit rätselnder Miene. „Was kann ich für euch tun?“
   „Herr Ping“, drängelte Sabine sich an Michelle vorbei. „Kyle kommt in meine Klasse oder?“
   Herr Ping musterte kurz Kyles Mimik. „Nein. Er kommt zu Frau Bach!“
   „Aber Herr Ping!“, meckerte Sabine. „Wieso denn?!“
   „Kein Aber!“ Der Rektor sah gar nicht ein, mit ihr zu diskutieren. „Und nun ab in deine Klasse!“
   Beleidigt wie ein Kleinkind trampelte Sabine davon.
   „Und wer bist du?“, wollte der Rektor von Michelle wissen.
   „Michelle. Ich bin neu“, erklärte sie und streckte dem Rektor ihre mitgebrachten Unterlagen entgegen.
   Der Schulleiter warf einen kurzen Blick darauf. „Dann gehst du in dieselbe Klasse wie Kyle.“
   Ein erleichtertes und leises „Danke“ flog ihr aus dem Mund.
   „Ich lasse euch doch nicht zu Sabine“, feixte er mit einem Zwinkern. „Und nun ab mit euch!“
   Michelle nickte und flitzte davon. Kyle folgte ihr rasch. „Gleich am ersten Tag zu spät!“, fluchte Michelle.
   „Ja, total peinlich.“
   „Aber so was von! Wo ist die Klasse denn?“
   „Rechts durch die Tür, geradeaus und da vorn irgendwo.“ So wirklich wusste   Kyle es selbst nicht.
   Michelle drückte die Tür auf und rümpfte die Nase, als sie durch den kleinen Gang gingen, in dem sich die Toiletten befanden. „Ekelhaft! Da hätten sie sich echt etwas Besseres einfallen lassen können.“
   „Wem sagt du das?“, seufzte Kyle. Wieder öffnete Michelle eine Tür und fühlte sich abrupt etwas verloren. „Müssen wir jetzt links?“, fragte sie und huschte um die Ecke. Sie blickte auf das Schild neben der Klassentür. „7 A“, las sie. „Das muss weiter den Flur entlang sein.“
   „Bestimmt am Ende oder so“, murmelte Kyle, dessen Magen sich mit jedem Schritt ein wenig mehr zusammenkrampfte. Gleich würde er die Höhle des Löwen betreten. Wie gern wäre ich doch jetzt woanders. Weit entfernt … auf einer schönen Insel mit hübschen Männern.
   „Ich fange an zu schwitzen“, sang Michelle vor sich hin. „Die denken gleich bestimmt, dass wir aus irgendeinem Gebüsch kommen oder so.“
Ihre lockere Art entspannte Kyle ein wenig. Hatte er in ihr bereits eine neue Freundin gefunden, der es vielleicht egal war, wie und vor allem, wer er in Wirklichkeit war?
   „Da ist es!“ Michelle war leicht außer Atem. „Oha“, seufzte sie und klopfte an. Da sie nichts hörte, ging sie einfach hinein. Kyle folgte ihr und schloss die Tür schnell hinter sich.
   „Ach!“, staunte Frau Bach. „Wer ist denn die Hübsche hier?“
   „Michelle. Der Rektor hat mich und ihn hier“, sie blickte über die Schulter, „aufgefordert in ihre Klasse zu gehen.“
   „Kyle!“, freute Frau Bach sich. „Ja, dann …“
   Verschwitzt krampfte Kyle seine Hände ineinander.
   „Da hinten“, sagte Frau Bach, „sind noch zwei Plätze frei.“
Michelle nickte und begab sich auf den ersten davon. Kyle setzte sich rasch hinter die Neue.
   „Ja“, lächelte Frau Bach in die Runde. „Wir haben mehrere neue Schüler und ich hoffe mal, dass ihr euch bestens miteinander verstehen werdet.“
Kyle schluckte und versuchte nicht aufzufallen.
   „Dann wollen wir mal“, sprach Frau Bach ein wenig nervös. „Ich verteile gleich die neuen Bücher und ihr nehmt jetzt bitte einen Stift heraus und ein Blatt natürlich. Ich werde euch nämlich genau jetzt euren neuen Stundenplan mitteilen.“
   An alles hatte Kyle an diesem Morgen gedacht. Schicke Kleidung, gemachtes Haar, Geld für Essen und Trinken, Zigaretten, einen Stift – nur den Block, den hatte er zu Hause liegen lassen. Er starrte auf Michelles Hinterkopf und zögerte. Soll ich sie fragen? All seinen Mut nahm er zusammen und tippte ihr vorsichtig auf die Schulter. Sie drehte sich fragend um. „Hast du vielleicht ein Blatt?“, raunte er beschämend.
   „Ja klar.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen riss sie gleich zwei Blätter heraus und überreichte sie ihm.
   „Danke“, wisperte Kyle und registrierte plötzlich einen Schüler, der ihn heimlich musterte. Er saß ganz vorn, direkt am Fenster. Sein kurzes braunes Haar schimmerte im Glanz der Morgensonne – funkelte fast schon. Doch Kyle ignorierte ihn schnell wieder und widmete sich dem Stundenplan, den die Lehrerin mit Freude vorlas.
   Dass der junge Schüler mit den Bartstoppeln Kyle weiterhin beäugte, bemerkte nun auch Frau Bach. Erst begann sie zu schmunzeln, meinte dann aber laut: „Adam!“
   Er erschrak und setzte sich prompt aufrecht hin. Ein leises Kichern flog durch den Raum.
   „Hast du dir den Stundenplan auch schön notiert, ja?“, fragte sie skeptisch.
   „Ja, ja … sicher“, stotterte er.
   Adams Stimme klang für Kyle ein wenig nasal. Ein wenig erinnerte ihn diese auch an die Klangfarbe von Brian Littrell – mit einem Touch von John Sutherland.
   „Ja, wirklich?“, erkundigte sie sich erneut. Adam summte zustimmend.
   „Wer hat es dir denn angetan?“, wollte sie auf einmal wissen. Geschockte Augen starrten sie an. Locker lassen wollte sie noch nicht. „Ist es die Neue – unsere Michelle?“
   „Häh?“, stutzte Michelle und blickte nach vorn. „Was?“
   Alle fünfundzwanzig Augenpaare sahen nun kurz zu der Neuen.
Kyle wurde erst jetzt richtig bewusst, dass er keins der Gesichter je zuvor gesehen hatte. Dabei hatte die Schule doch gerade mal rund vierhundert Schüler.
   Vor sich hinschweigend blinzelte Adam vorsichtig hinüber zu Kyle.
   „Oder ist es vielleicht eine ganz andere Person?“, bohrte Frau Bach weiter, während ihre Schüler schmunzelten.
   Adam lief rot an und stierte auf den Zettel vor sich. Bloß nicht auffallen, dachte Adam. Ihm wurde ganz warm. Zum Glück wandte Frau Bach sich wieder von ihm ab.
   Während der ersten beiden Stunden bemerkte Kyle immer wieder mal, dass ihn der Junge beobachtete. Warum Adam das tat, war Kyle allerdings egal. Er war einfach nur erleichtert, dass ihm keiner einen bösen Blick zuwarf.

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